"Ich mache weiter den Feuerwehrdienst mit"

Elf Jahre führte Stadtbrandinspektor Malte Wiesner die Geseker Feuerwehr. Am Freitag übergibt er seinen Posten an seinen bisherigen Stellvertreter Florian Nagelmeier. Im Interview mit Redakteur Frederick Lüke berichten beide von ihrem verantwortungsvollen Ehrenamt, von ihren Erlebnissen und der Zukunft der Wehr.

Herr Wiesner, Herr Nagelmeier: Stadtbrandinspektor wird man nicht mal eben so, oder?
Malte Wiesner: Feuerwehrmann wird man aus Berufung und weil man Spaß daran hat. Mit dem Besuch vieler Lehrgänge steigt man auf. Bis zur Spitze müssen dann alle Lehrgänge belegt sein. Und man muss schauen, ob man auch das Vertrauen der Mannschaft bekommt.
Florian Nagelmeier:
Der Leiter muss „persönlich und fachlich geeignet sein“, heißt es in den Vorschriften. Inzwischen gibt es sogar Lehrgänge für Methodik und Didaktik.

Sie könnten doch bestimmt beide schon ein Buch schreiben über Ihre Erlebnisse?
Wiesner: Ich erinnere mich an die Alarmmeldung kürzlich „Kind vor Zug“. Da wird einem ganz anders. Solche Situationen braucht man nicht. Ich bin aber während meiner Zeit von den schlimmsten Dingen verschont geblieben.
Nagelmeier: Generell, wenn Kinder betroffen sind, ist es schlimm. Schließlich sind viele von uns Eltern.

Aber es gibt doch bestimmt auch Einsätze, die glimpflich verlaufen oder sogar lustig sind?
Wiesner:
Einmal wurden wir mit dem Hinweis „Person eingeklemmt“ gerufen. Da steckte ein Kind mit der Hand in einem Sonnenschirmständer fest. Mit etwas Margarine hatte ich es nach einer Minute befreit. Aber wir waren mit vier Einsatzfahrzeugen da.
Nagelmeier: Wir wurden eine Weile lang ständig zum Wehr am Wasserrad gerufen, weil wir die Küken retten sollten.
Wiesner: Tierrettung gehört auch zu unseren Aufgaben. Wir mussten einmal mit großem Aufwand ein Pferd bergen, das hat drei Stunden gedauert. Es ist aber nach einigen Tagen gestorben.

Gab es auch den Klassiker mit der Katze im Baum, die nicht wieder herunter konnte?
Nagelmeier: Klar! (lacht) Ein Kamerad kletterte damals auf den Baum, kam aber rasch wieder runter und sagte „die faucht mich so böse an“.

In Schwäbisch Gmünd ist am Montag ein Feuerwehrmann bei einem Rettungseinsatz zu Tode gekommen. Ist die Sorge um ihre Kameraden groß?
Wiesner: Ja, die Angst spielt immer mit. Darum bin ich froh, dass ich jetzt die Verantwortung in jüngere Hände geben kann. Gott sei Dank gab es bislang nur kleinere Unfälle und ich hoffe, dass dies bei meinem Nachfolger auch so bleibt.

Spielt da die Zahl der Einsatzkräfte eine Rolle?
Wiesner: Natürlich. Bei einer Alarmierung frage ich mich sofort: Sind auch genug Leute da? Sind alle Fahrzeuge besetzt und einsatzbereit? Wir haben tagsüber einfach weniger Leute zur Verfügung. Nachts und am Wochenende sind das mehr, dann wird auch nicht so umfassend alarmiert.

Die Arbeitgeber müssen aber doch die Feuerwehrleute für den Einsatz freistellen?
Wiesner: Ja, weil es um Hilfeleistung geht. Aber auch wenn es eine Kostenerstattung gibt, kann nicht jeder Betrieb jederzeit auf seine Mitarbeiter verzichten. Einige Kameraden arbeiten in anderen Städten oder im Außendienst.
Nagelmeier: Darum haben wir ja auch Mitarbeiter des städtischen Bauhofs mit in die Feuerwehr reingenommen. Ich arbeite ja selbst beim Bauhof.

Wie steht es denn angesichts dieser Fragen mit dem Nachwuchs? Das Treffen der Jugendfeuerwehren des Kreises in Langeneicke konnte sich ja sehen lassen.
Nagelmeier: In Sachen Jugendfeuerwehr bin ich guter Dinge. Über Pfingsten wurden da tolle Leistungen gezeigt. Und es war eine gute Kameradschaft über alle Generationen hinweg zu spüren. Etliche Jugendliche werden später zu Feuerwehrleuten.
Wiesner: Ich hätte auch gerne mehr Quereinsteiger, Männer wie Frauen. Also Helfer, die nicht über die Jugendfeuerwehr kommen, sondern sich so für die Unterstützung interessieren.
Nagelmeier: Klar, jeder ist herzlich willkommen.

Wie viele Frauen haben Sie in der Wehr?
Nagelmeier: Wir haben rund zehn Frauen, die am Einsatzdienst teilnehmen. Da gibt es keine Unterschiede. Lediglich bei den Atemschutzgeräteträgern gibt es Anforderungen an Fitness und Gesundheit. Aber auch die gelten für alle. Aber vielleicht können wir die Ehefrauen von Kameraden noch aktivieren. Ein Einsatz, während die Kinder in der Schule sind – warum nicht?

Gibt es einen Wunsch, den sie beide für die Feuerwehr hegen?
Wiesner: Höchstens der, mich beim Rat und bei der Verwaltung zu bedanken. Die Zusammenarbeit war immer sehr gut.
Nagelmeier: Ich wünsche mir, einige Wege noch zu verkürzen. Vielleicht können wir die Ratsleute einmal einladen und ihnen zeigen, welche Technik hier steht.
Wiesner: Und weniger Verwaltungsarbeit im Hintergrund. Nach einem Einsatz muss unglaublich viel nachbereitet werden. Technisch, aber auch schriftlich.

Herr Wiesner, Hand aufs Herz: Bleiben Sie künftig ruhig im Bett liegen, wenn Sie ein Martinshorn hören?
Wiesner: Nein, ich behalte meinen Piepser und ich fahre auch künftig bei Einsätzen raus. Ich mache weiter den stinknormalen Feuerwehrdienst mit.

Quelle: Der Patriot - Geseker Zeitung vom 02.06.2016